August F. Winkler ist tot

Einer der ganz Großen der Gourmet-Kritik ist tot. Ein Gentleman, ein Connaisseur, ein Moderator der Kulinarik.
Ein Genussmensch, der über Wein philosophierte, während der Wein seine Bücher schrieb.
So wie sein Standardwerk Edelsüsse Weine im Umschau-Verlag, ein Meisterwerk.
Ein Abend zusammen mit ihm war immer eine Bereicherung, bleibt eine Lektion fürs Leben.
Auch unser Haus war ihm nicht nur auf Grund des nachfolgenden Artikels aus dem Jahr 1983 verbunden.
Sein Credo findet sich auf seiner Homepage Die Feinschmeckerey:

»Der Schafhirte, der zu seinem Käse einen schlichten roten Landwein trinkt, ist glücklicher als ein Protz mit dem 1971er Pétrus aus der Magnum. Dem Göttlichen im Wein, wenn diese Frömmelei gestattet ist, kommt man sowieso nur mit dem Herzen nahe. Selbstverständlich liebe ich große Weine und gehe ihnen weit entgegen, aber ich weiß, daß man auch einfache Weine trinken muß, um die Gloriosen besser zu verstehen. Gleiches gilt für die Küche: Ein Bauernbrot, beschmiert mit bester Almbutter und vielleicht geschmückt mit etwas Schnittlauch, ist nicht weniger delikat – und achtenswert – wie ein im Ganzen gedünsteter Steinbutt mit einer Sauce Béarnaise. Die Andacht dem Kleinen wie dem Großen gegenüber, das ist angewandte Lebensart.
Lebensart ist die Ästhetisierung des Seins, also die Kunst, sich das Leben auf kultivierte Weise mit schönen Dingen zu möblieren, von der Literatur über die Musik und das Theater bis hin zu Reisen sowie das Essen und das Trinken.«


Bonner General-Anzeiger      22./23. Januar 1983

In der Kinkelstube kann man die Seele baumeln lassen

Nach landläufiger Meinung eilen Leute von Geist nur mit gefurchter Stirn durchs Leben, ernst, als trügen sie Verantwortung für den Gang der Welt. Zwar gibt es diesen Typ Mensch wirklich, der offenbar nur Lust an der Unlust hat und jedem Vergnügen abhold ist, aber dahinter steckt nicht unbedingt ein kapitalen Denker. Der große Kant beispielsweise verbat sich im Freundeskreis jedes Gespräch über Philosophie; man spielte Karten, scherzte und erzählte sich harmlosen Tratsch. Der Philosoph Wittgenstein sah für sein Leben gerne Krimis und Western. Sie gaben ihren Gehirnzellen gewissermaßen Urlaub.

Ein netter Ort zum Entspannen, egal, ob für Arbeiter der Stirn oder der Faust, ist die Kinkelstube in Oberkassel (Kinkelstraße 1, Telefon 44 15 58; Dienstag ist Ruhetag, sonst ab 17 Uhr geöffnet), ziemlich inmitten des Ortes und schräg gegenüber einer Kirche gelegen. Bei sehr breit gefächerten Weinkarte und unkomplizierter Atmosphäre läßt sich der rastlos wartenden Leistungsgesellschaft kommod entrinnen, was noch gefördert wird durch ein paar aparte Einlagen aus der Küche.

Das kulinarische Repertoire ist klein, aber was Bärbel Schrempp mit talentierter Hand und sittlichem Ernst macht, während ihr Mann Lothar die Gäste in den beiden ebenerdig gelegenen Räumen bedient, ist beachtlich. Des Applaudierens wert ist der Tafelspitz, der, in dünne Scheiben geschnitten, kalt in einer leicht angelegten Sahnesauce serviert wird (11,80 Mark); das ist Rindfleisch in Perfektion. Köstlich schmeckt das hausgemachte Käsegebäck (4,50 Mark), pikant sind die mit Fleisch und Käse gefüllten Leckereien aus dem Backofen (11,80 Mark).

Die hervorragende Qualität des Fleisches zeigt sich auch in der mit Sauerkraut angereicherten Gulaschsuppe (5,50 Mark), die man weiß Gott weshalb, "Lumpensuppe" nennt. Das halbe Dutzend
Schnecken in Knoblauchschaum kostet 8,90 Mark, rosa gebratenes Roastbeef l0,80 Mark und für zwei Röggelchen mit Griebenschmalz werden 3,70 Mark berechnet. Komplettiert wird das Programm durch eine Serie Käse vom mittelalterlichen Holländer (6,25 Mark) bis zum Roquefort (8,70 Mark). Zu den Speisen, die bis 23 Uhr bestellt werden können, gibt es Stangenweißbrot von tadelloser Qualität und Butter.

Die Weinkarte liest sich wie eine Offenbarung, das Angebot reicht vom schlichten Qualitätswein bis zur Trockenbeerenauslese. Schoppenweine beginnen bei 3,20 Mark pro 0,2-Liter- Glas, die Flaschen ab 12 Mark. Von herb bis lieblich ist jede Geschmacksrichtung vertreten, wobei Weine aus dem Rheingau den Schwerpunkt bilden. Zu wünschen wäre allenfalls. daß Lothar Schrempp, der brigens gut berät, mehr als bisher gute Weine von kleinen und mittleren Winzern anbietet, denn er hält es geradezu auffallend mit großen Gütern, kirchlichen wie staatlichen.
Nun war es ja nicht leicht, die von den Brüdern Klöcker jahrelang geführte Kinkelstube zu übernehmen. Theo und Hugo, die heute zurückgezogen mit ihrer Haushälterin in Unkel leben, waren ein Stück Kultur; sie prägten, längst zur lebenden Legende geworden, die menschlich dichte Atmosphäre des Hauses. Wenn Theo K. eine Flasche Wein abstaubte, tat er es geradezu hingebungsvoll, als sei es eine Bronzefrau aus dem Jugendstil, und Bruder Hugo war berühmt für seine Anekdoten.

Den Schrempps ist es dank ihres großen Engagements gelungen, einen eigenen Stil zu finden. Das zeigt sich auch im Detail wie etwa dem, daß es für den Liebhaber einer guten Havanna die ,Especiales" von Monte Christo gibt, und zwar in perfektem Zustand (allerdings kostet das Stück 28,50 Mark). Wer nicht havannaversessen ist, kann im "Dannemann" Programm zwischen einsfünfzig und fünf Mark wählen. Ob Havanna oder Brasil, Champagner (den es auch gibt) oder Sekt, ob man Wein lieblich mag oder trocken, spritzig oder edelfirn: in der rationalen Kühle unseres modernen Fürsorge- und Erfassungsstaates tut es der Seele gelegentlich wohl, sie weinheiter baumeln zu lassen.

Auwi