Gottfried Kinkel


Prof. Dr. Hermann Rösch, (e-Mail: hermann.roesch@fh-koeln.de ) der Verfasser,

hat sich mit Gottfried Kinkel umfangreich in seinem Buch auseinandergesetzt:

 

Gottfried Kinkel als Ästhetiker, Politiker und Dichter

ISBN: 3416804627

 

Bonn, Bouvier 1982. (Veröffentlichungen des Stadtarchivs Bonn. Bd. 29)

Wir danken dem Autor für die freundliche Unterstützung!


der junge Gottfried Kinkel (Handzeichnung 1836)
der junge Gottfried Kinkel (Handzeichnung 1836)

Jugend und Beruf

 

Am 11. August 1815 wurde er als Sohn eines evangelischen Pfarrers in Oberkassel geboren. Das Geburtshaus stand zwischen dem heutigen Pfarrhaus und dem Jugendheim an der Königswinterer Straße (schräg gegenüber unserer Weinstube). In seinen Memoiren schrieb Kinkel:

 

„Mein Geburtsort, das Dorf Oberkassel, welches hart am Rheinufer im Siegkreise der preußischen Rheinprovinz liegt, ist gewiß, und nicht bloß in meiner Erinnerung, einer der lieblichsten Erdflecke, die es gibt. Malerisch zwischen Obstbäumen seine Häusergiebel erhebend, ruht es an einer von schroffen Basaltfelsen überstiegenen Berglehne."

 

Kinkel wurde streng religiös erzogen. Schon früh stand fest, daß er Pfarrer werden sollte. Nachdem er 16jährig das Abitur bestanden hatte, begann er 1831 an der Bonner Universität evangelische Theologie zu studieren. Auch in den folgenden Jahren stand er weitgehend unter dem Einfluß seiner orthodox pietistischen Mutter. Über Kindheit und Jugend im Elternhaus beklagt sich Kinkel später: „Alle weltliche Lebensfreude wurde mit irgendeiner Bibelstelle totgeschlagen." Erst während des Studienjahres in Berlin 1834/35 gelingt es Kinkel, sich der Bevormundung durch die Eltern zu entziehen. Hier entdeckt er seine Liebe zur Kunst. In vollen Zügen genießt Kinkel jetzt die von der Mutter bisher verbotenen Besuche im Theater und in Kunstausstellungen. Vorübergehend liebäugelt er damit, die Theologie an den Nagel zu hängen und stattdessen Schauspieler zu werden. Vorläufig setzt er jedoch seine theologische Laufbahn fort.

Ehepaar Johanna & Gottfried Kinkel
Ehepaar Johanna & Gottfried Kinkel

Nachdem er im Frühjahr 1837 die erforderlichen Examina abgelegt hatte und zum Dr. der Theologie promoviert worden war, nahm er seine Vorlesungen als Privatdozent an der evangelisch-theologischen Fakultät der Uni Bonn auf. Der Karriere als Professor der Kirchengeschichte schien nichts mehr im Wege zu stehen. Das Dozentengehalt war zwar noch etwas kärglich, konnte aber durch Religionsunterricht am Bonner Gymnasium und am Thormannschen Mädcheninstitut sowie eine Hilfspredigerstelle bei der protestantischen Gemeinde Kölns aufgebessert werden.

 

Kinkel hegte auch in dieser Lebensphase schon erste Zweifel am christlichen Glauben, seine endgültige Abkehr vom Christentum wurde jedoch durch die Bekanntschaft mit seiner späteren Frau Johanna erheblich beschleunigt.

 

Johanna Mathieux geb. Mockel war eine hochbegabte und vielseitige Künstlerin. Sie komponierte, dirigierte, spielte Klavier und dichtete. Aus dem engstirnigen Elternhaus hatte sie sich schon 1832 in die Ehe mit dem Kölner Musikalienhändler Mathieux geflüchtet. Schon nach kurzer Zeit verließ sie den tyrannischen Mann und siedelte nach Berlin über. Dort lebte sie im Hause der Goethe-Verehrerin Bettina von Arnim und lernte viele damals berühmte Persönlichkeiten kennen - wie z.B. Joseph von Eichendorff, die Familie des Philosophen Hegel, die Dichter Emanuel Geibel und August Hoffmann von Fallersleben sowie die Familie von Felix Mendelssohn-Bartholdy.

 

1839 kehrte Johanna nach Bonn zurück, um die Scheidung ihrer Ehe zu betreiben. Die Bekanntschaft mit dem 5 Jahre jüngeren Gottfried Kinkel inspirierte beide zu einer bisher nicht gekannten Kreativität. Eine große Zahl der später veröffentlichten Gedichte Kinkels entsteht in dieser Zeit. Ebenso sein wohl bekanntestes Werk, das Versepos „Otto der Schütz". Mit dem Trauerspiel „König Lothar" versucht er sich sogar als dramatischer Dichter. Gemeinsam mit interessierten Freunden wird am 29. Juni 1840 der „Maikäfer", ein Dichterkreis, gegründet, dem später auch der Germanist und Dichter Karl Simrock sowie der Kunsthistoriker Jacob Burckhardt angehörten. Zum Freundeskreis Kinkels gehören jetzt die später als proletarische Dichter berühmten Ferdinand Freiligrath und Georg Weerth. Auch Emanuel Geibel („Der Mai ist gekommen") und Wolfgang Müller von Königswinter sind häufig bei den „Maikäfern" zu Gast.

 

 Als die Beziehung zwischen Gottfried und Johanna sich nicht mehr auf gemeinsame Dichtung beschränkt, steht Kinkel vor einer schweren Entscheidung: Die Heirat mit einer geschiedenen Katholikin mußte ihn als evangelischen Theologen in erhebliche Schwierigkeiten bringen. Dennoch schließen beide am 22. Mai 1843 die Ehe. Die Folgen ließen nicht auf sich warten: Kinkel verliert seine Stellung als Hilfsprediger und Religionslehrer; die Fakultät signalisiert, seine Chancen auf eine Professur seien jetzt gleich null. Kinkel bleibt zwar noch Dozent der Theologie, hat sich aber innerlich bereits vom Christentum abgewandt. Einem Freund gesteht er: „Wir wollen Heiden bleiben, Heiden sein!" Mehr und mehr verlagert sich sein Interesse auf die Kunstgeschichte. Zunächst arbeitet er als Bonner Korrespondent der angesehenen Augsburger „Allgemeinen Zeitung". In regelmäßigen Abständen berichtet er über Ereignisse des städtischen und universitären Lebens. Immer häufiger aber beschäftigt er sich in seinen Artikeln mit Themen aus der Literatur und der Malerei. Im Übergang von der Romantik zum Realismus leistet er darin einen wesentlichen Beitrag zu einer Kunsttheorie der neuen Epoche. In der Wissenschaft ist diese Leistung jedoch bislang noch nicht ausreichend gewürdigt worden. 1846 gelingt es Kinkel schließlich, zum Professor der Kunstgeschichte ernannt zu werden. Er war damit einer der ersten, die diese junge Fachrichtung an der Universität lehrten. Erneut standen die Zeichen für eine erfolgreiche berufliche Karriere gut.

 

Kinkel hatte inzwischen auch als Dichter Lorbeeren gesammelt. Seine erste Gedichtsammlung erschien im Jahre 1843 beim renommierten Cotta-Verlag, der auch Goethes und Schillers Werke verlegte. Kinkels Gedichte waren als Beiträge zu den damals weit verbreiteten „Jahrbüchern" und „Jahreskalendern" viel gefragt. In den 40er Jahren verfaßte er daneben eine Reihe von Erzählungen, sogenannte Dorfgeschichten, die zumeist im rheinischen Milieu spielten. Anschaulich beschreibt er darin die damaligen Sitten und Gebräuche der Rheinländer. In der Erzählung „Margret" z.B. wird das „jährliche Dorffest des Vogelschießens" ausführlich geschildert. Wer sich beim Lesen dieser Passagen an die Oberkasseler Kirmes erinnert fühlt, braucht sich darüber nicht zu wundern; Kinkel hat nämlich ausdrücklich betont, daß er hier die „Festgebräuche seines Heimdorfes" beschrieben habe. So ist denn in der Schilderung die Umgebung Oberkassel getreulich wiederzuerkennen: Das Fahnenschwenken findet auf dem „Hauptplatz unter der Linde" statt. Der größte Platz in Oberkassel hieß im 19. Jahrhundert „An der Linde" und befand sich unmittelbar vor der heutigen Weinstube. Das Vogelschießen findet in der Erzählung „oben am Wald" statt. So haben es die Oberkasseler Schützenbrüder offenbar auch damals schon gehalten. Interessant zu lesen sind aber auch solche heute kaum noch zu glaubenden Mitteilungen wie die über die Ardennenwölfe. Kinkel berichtet, daß die Wölfe im Winter aus den Ardennen in die Eifel zogen, in besonders strengen Wintern sogar über den zugefrorenen Fluß bis in rechtsrheinische Gebiete vordrangen!

 

Um einen Einblick in das damals gängige Verhältnis zu Entfernungen zu gewinnen, sei eine Episode aus Johanna Kinkels Bürgergeschichte „Der Musikant" wiedergegeben. Hier wird unter anderem von einem Bonner Brauer erzählt, dessen Frau unter Asthma leidet. Der Arzt macht dafür das stickige Bonner Stadtklima verantwortlich, das auch heute manchem Zeitgenossen schwer zu schaffen macht. Auf Anraten des Arztes beschließt der Brauer, seiner Frau einen längeren Aufenthalt auf dem Land zu gestatten. Man stellt sich jetzt vielleicht vor, daß die Dame in den Westerwald oder wenigstens in die nahe Eifel reist. Weit gefehlt. Sie begibt sich zur Erholung in das „gesunde ländliche Klima des Bauerndorfes Kessenich"!

 

Nach der Heirat mit Johanna gerieten die Kinkels in große finanzielle Schwierigkeiten. Den Verlust der Einkünfte als Lehrer und Prediger hatte Kinkel zunächst durch die journalistischen Arbeiten wettmachen können. Als aber die Familie in fünf Jahren durch die Geburt von vier Kindern auf sechs Köpfe anwuchs, mußte er neue Geldquellen auftun. Schon früher hatte er die Idee gehabt, sein rednerisches Talent und sein Wissen nicht mehr nur der akademischen Elite zur Verfügung zu stellen, sondern damit auch der breiten Bevölkerung bei der Weiterbildung zu dienen. Seine „freien Vorträge vor gemischtem Publikum" über Kunst und Literatur erfreuten sich bald im Köln-Bonner Raum größter Beliebtheit. Kinkel wird wegen seiner Vortragsreihen zu den Vorbereitern der modernen Volkshochschulbewegung gerechnet.

 

Im Jahre 1846 erhielt Kinkel die Aussicht, an die Universität Berlin berufen zu werden und die Leitung einer mit staatlicher Unterstützung neu zu gründenden Kunstzeitschrift zu übernehmen. Als regierungsnahes Organ sollte das Kunstblatt die Vorherrschaft oppositioneller Kräfte in diesem Bereich brechen. Die Leitung der Zeitschrift reizte Kinkel, doch wollte er keinesfalls die Geschäfte des preußischen Militärs und des Landadels betreiben. Um seine unabhängige und liberale Gesinnung von vornherein zu unterstreichen, veröffentlichte er sein Gedicht „Männerlied", in dem er seine Freiheitsliebe und seine Geringschätzung aller Religion deutlich aussprach.  

 

Das Gedicht verfehlte seine Wirkung nicht. Entsetzt über solch wenig untertäniges Verhalten lehnte man in Berlin Kinkels Berufung umgehend ab. In dieser mutigen Aufrichtigkeit und kämpferischen Entschlossenheit - für einen deutschen Beamten ja damals wie heute nicht unbedingt die Regel - zeichnet sich bereits der revolutionäre Kinkel ab, der für seine Überzeugungen ohne Rücksicht auf Verluste eintritt.

Politik und Revolution

 

 Die Politik spielte in Kinkels Leben zunächst nur eine untergeordnete Rolle. All sein Interesse gilt der Theologie und mehr noch der Kunst. Gesteigerte Aufmerksamkeit widmet er der Politik erstmals im Jahre 1840. Enthusiastisch begrüßt er die Thronbesteigung des neuen preußischen Herrschers Friedrich Wilhelms IV., der - von Gottes Gnaden - später dem Wahnsinn verfallen sollte. Der neue König galt als fortschrittlich und konstitutionell gesinnt. Das Bürgertum erhoffte von ihm verstärkte Anstrengungen zur Wiederherstellung der seit 1806 verlorenen nationalen Einheit sowie das Recht zur politischen Mitbestimmung. Doch Friedrich Wilhelm IV. erwies sich bald als mindestens so reaktionär wie sein Vater Friedrich Wilhelm III. Statt der gesamtdeutschen verfolgte er ausschließlich die Interessen des preußischen Herrscherhauses. Denn der Zusammenschluß der 34 durch Zollschranken voneinander getrennten deutschen Teilstaaten hätte dem preußischen Regenten möglicherweise einen Machtverlust eingebracht. Auch gegenüber der Forderung nach vorsichtiger Demokratisierung blieb der König taub und wich kein Jota von seiner absolutistischen Unterdrückungspolitik ab. Auch Kinkel merkte bald, daß er auf die Lippenbekenntnisse des tyrannischen Königs hereingefallen war. Er gab seinen konservativen Royalismus auf und wurde zum Verfechter der konstitutionellen Monarchie; erzählte also nun zu dem Teil des gemäßigt-liberalen Bürgertums, der für eine Verfassungsmäßig verbriefte Mitwirkung einer gewählten Volksvertretung bei der Gesetzgebung eintrat, den Monarchen als oberstes Staatsorgan aber nicht in Frage stellte.

 

So machte er auch seinem inzwischen zum Republikaner gereiften Dichterfreund Freiligrath klar, daß er auf seiner „nach rechts und links unwandelbaren konstitutionellen Lebensansicht" beharre. Seine Stellung zur Politik im Jahre 1845 charakterisiert Kinkel selbst:

 

„An der Politik nahm ich damals keinen tätigen Anteil: (...) Die Schlachtordnung der Liberalen gegen die Adels- und Militärpartei war durch das Auftreten der radikal-kommunistischen Lehre verschoben, und zu der letzteren bekannte ich mich nicht, weil sie zu früh kam und weil die deutsche Revolution, auf welche die hinarbeitete, mir undenkbar erschien. (...) Doch bekannte ich mich, wo die Gelegenheit sich gab, mit voller Offenheit zur Opposition und zur Forderung einer Konstitution."

 

Kinkels politische Ansichten änderten sich bis 1848 kaum mehr. Einen interessanten Einblick in sein vorrevolutionäres Gesellschaftsbild liefert sein Gedicht „Die sieben Berge". Er deutet die einzelnen Berge des Siebengebirges als Repräsentanten der verschiedenen Gesellschaftsschichten. Der Drachenfels wird zum „riesigen Bild des Königs", der in „stiller Majestät" unangetastet am Rhein ruht. Für den untergehenden Adel steht die Wolkenburg, deren einst „stolzes Haupt vom bürgerlichen Steinbruch zerfressen" ist. Der massige Petersberg vertritt den „fetten Klerikus". Das neue Kaufmannsvolk (die Löwenburg) hat den Adel von seiner Machtposition verdrängt und überragt diesen bereits bei weitem. Ähnlich einflußreich wird das vom Ölberg versinnbildlichte Militär geschildert. Unterdrückt von den beiden dominierenden Schichten, Kriegern und Bankherren, stehen Bürger und Bauern in Gestalt des Lohrbergs eingezwängt in der Mitte. Am Ende der Hierarchie rangiert schließlich der Stenzelberg, die akademische Intelligenz und die Künstler, denen jede öffentliche Anerkennung fehlt. Kinkels Absicht war es, alle bürgerlichen Schichten zu vereinigen, damit den Herrschenden Zugeständnisse abgerungen werden konnten. Eine besonders wichtige Funktion besaß dafür nach seiner Meinung der rheinische Karneval. Am 23. März 1828 war der Karneval als „zu politisch" durch königliche Kabinettsorder verboten worden. Den Bonnern wurde er erst 1843 wieder gestattet. In der „Allgemeinen Zeitung" berichtete Kinkel über dieses erste wieder erlaubte Karnevalsfest:

 

„Der heurige Carneval hat der Bürgerschaft unserer Stadt einen einträchtigen, im besten Wortsinne korporativen Geist mitgeteilt, der auch bei ernstem Anlässen seine heilsamen Nachwirkungen wird spüren lassen. Überhaupt war das Fest darum so erfreulich, weil es durchaus ein Volks- und Bürgerfest gewesen ist."

 

Mit dem Aufbruch der Revolution 1848 wurde Kinkel aus seinen etwas betulichen politischen Träumen gerissen. Die Nachricht vom Sturz des Bürgerkönigtums in Frankreich im Februar 1848 ermutigte die deutschen Liberalen, ihren Forderungen Nachdruck zu verleihen. Um die Unruhen im Keim zu ersticken, kündigte der preußische König überraschenderweise eine Reihe von Reformen an, gegen die er sich zuvor jahrelang hartnäckig gewehrt hatte. So wurden z.B. die baldige Einführung einer Verfassung, die Pressefreiheit und die Aufhebung der Zollschranken in Aussicht gestellt.

 

Die Bonner Bürger feierten die neu errungenen Freiheiten in einem Festzug am 20. März. Gemeinsam mit den konstitutionellen Bonner Professoren Ernst Moritz Arndt und Friedrich Dahlmann hatte Kinkel die Spitze des Zuges angeführt und von der Treppe des Bonner Rathauses eine Rede gehalten. Begeistert begrüßte er darin die wiedererstandene „Majestät Deutscher Nation". Noch hatte er bei den Honoratioren der Stadt einen solch guten Ruf, daß er zum Vizepräsidenten der „Zentral-Bürgerversammlung“ gewählt wurde. Doch binnen weniger Wochen wandelte sich Kinkel zum radikalen Demokraten. Er fand, daß die Konstitutionellen dem König zu große Zugeständnisse machten und kaum ein Interesse dafür zeigten, die soziale Notlage des einfachen Volkes zu beseitigen. Am 31.Mai 1848 wurde auf Kinkels Initiative in Bonn der „Demokratische Verein" gegründet, der offen für die Republik eintrat und einen ausführlichen Katalog sozialer Reformvorschläge entwickelte. Die Forderungen reichten vom Wegfall aller indirekten Steuern und der Einführung einer progressiven Einkommenssteuer über die Einrichtung von Alters- und Krankenversicherungen bis zur Abschaffung des Schulgeldes. Um verstärkt auf von ihnen umworbene Handwerker wirken zu können, gründeten die Demokraten einen „Handwerkerbildungsverein", der von Anfang an mehr als 200 Mitglieder zählte. In beiden Organisationen wurde Kinkel zum Vorsitzenden gewählt. Ab August 1848 war er zudem Chefredakteur der neugegründeten republikanischen „Bonner Zeitung" und leitete später die Wochenbeilage für soziale Fragen „Spartacus". Von den Bonner Spießbürgern nunmehr endgültig geächtet, wandte er sich Handwerkern und Bauern zu.

 

An den Wochenenden unternahm er gemeinsam mit seinen Schülern und Anhängern Carl Schurz und Adolf Strodtmann Aufklärungsreisen in die umliegenden Bauerndörfer, um auch unter der Landbevölkerung für Demokratie und Republik zu werben.

 

Die lokalen demokratischen Vereine strebten bald nach überregionalen Zusammenschlüssen. So tagte Mitte August 1848 in Köln der Kongreß der rheinischen und westfälischen Demokraten. Kinkel geriet hier in einen heftigen Streit mit den in Köln wirkenden Redakteuren der „Neuen Rheinischen Zeitung", den Kommunisten Karl Marx und Friedrich Engels. Marxens materialistisches Sozialismuskonzept und seine Forderung nach gewaltsamer Fortführung der „Bourgeoisierevolution" stießen bei Kinkel auf Unverständnis. Doch schon wenige Wochen später erkannte er, daß die revolutionären Ziele nur gewaltsam durchzusetzen waren. Individuellen Terror lehnte er jedoch ganz entschieden ab.

 

Im November hielten die rheinischen Demokraten den Zeitpunkt für die gewaltsame Erhebung gegen König und Staat für gekommen. Nachdem die preußische Nationalversammlung die Abschaffung der Adelsprivilegien beschlossen hatte , löste der König das Parlament kurzer Hand auf. Die Nationalversammlung rief daraufhin dazu auf, keine Steuern mehr zu zahlen. Kinkel glaubte, daß eine solche Maßnahme zum Staatsbankrott und Umsturz und damit zur Republik führen müsse. Mit Unterstützung der Bürgerwehr ließ er die Bonner Stadttore besetzen, um die Erhebung der Schlacht- und Mahlsteuer zu verhindern. Die Demokraten übernahmen die Kontrolle der Behörden und übten damit faktisch selbst die Regierungsgewalt in Bonn aus. Doch schon nach drei Tagen machte ein preußisches Infanterieregiment diesem Zustand ein Ende. Kinkel wurde wegen „Aufforderung zum gewaltsamen Angriff auf die Steuerbeamten" vor dem Kölner Zuchtpolizeigericht angeklagt, im Februar 1849 jedoch freigesprochen.

 

In der Zwischenzeit war Kinkel nicht nur hinsichtlich der Form, sondern auch der Inhalte des politischen Kampfes erheblich radikaler geworden. Er bekannte sich jetzt ausdrücklich zum Sozialismus und näherte sich in mancherlei Hinsicht den Auffassungen von Marx und Engels an. So spricht er jetzt z.B. von der Notwendigkeit, die „Ausbeutung der Arbeiter durchs Kapital" zu beseitigen, fordert mit Marx die Aufhebung der Bourgeoisie als Klasse und die Überführung der kapitalistischen Produktionsstätten in gesellschaftliches Eigentum. Anfang Januar 1849 hatten Marx und seine Frau die Kinkels in Bonn besucht. Der frühere Streit war vergessen. Man vereinbarte eine enge Zusammenarbeit zwischen Marx' „Neuer Rheinischer Zeitung" und Kinkels „Neuer Bonner Zeitung". Im Gegensatz zu den Kölner Kommunisten glaubte Kinkel jedoch, es genüge, die Republik auf gewaltsamem Wege zu erkämpfen. Die weitere Entwicklung, wie die Aufhebung des Privateiqentums und die Beseitigung der Lohnarbeit, würde sich dann auf friedlichem Wege vollziehen. Kinkel erweist sich damit als Vertreter eines reformerischen Sozialismus.

 

Nach der Niederlage in der Steuerverweigerungsangelegenheit hatten die Bonner Demokraten keineswegs resigniert, sondern ihre Aufklärungsarbeit unter der Bevölkerung noch verstärkt. Dieser Einsatz sollte belohnt werden. Bei den Neuwahlen zur preußischen Nationalversammlung im Januar 1849 erzielten die Demokraten des Kreises Bonn-Sieg einen überwältigenden Erfolg. Ihr Kandidat Kinkel zog als Abgeordneter in die zweite Kammer des preußischen Parlaments ein und schloß sich sogleich der äußersten Linken an. Dort forderte er, konkrete Maßnahmen zur Linderung der sozialen Übel zu ergreifen und den Prinzipien der Revolution bei der Gesetzgebung volle Geltung zu verschaffen. Aufsehen erregte Kinkels Wortgefecht mit einem jungen märkischen Abgeordneten, der der äußersten Rechten der Kammer angehörte: Otto von Bismarck. Der spätere Reichskanzler hatte behauptet, es gebe nur zwei unversöhnliche Staatsprinzipien, das Königtum von Gottes Gnaden und die Barrikade. Welches von beiden siege, könne nur in einer kriegerischen Auseinandersetzung entschieden werden.

 

Kinkel hatte dem entgegnet:

„Für diese Entscheidungsschlacht werden wir den Geist, den Hunger, das Proletariat und den Zorn des Volkes in den Kampf führen."

 

In der Presse wurde Kinkel daraufhin als „Redner der Revolution" und „Führsprecher des Proletariats" gefeiert, der die bebende Rechte zerschmettert habe. An seine Frau schrieb er: „Ich gelte jetzt für den äußersten der ganzen Linken."

 

Schon Ende April 1849 löste Friedrich Wilhelm IV. auch dieses Parlament auf. Da die Fürsten und Könige der deutschen Teilstaaten nunmehr erkennen ließen, daß sie die revolutionären Errungenschaften rückgängig machen wollten, entstand in der Bevölkerung eine äußerst aufgeregte Atmosphäre. Als Kinkel gerade wieder in Bonn eingetroffen war, brachen an mehreren Orten Auf stände aus. Auch die Bonner Demokraten glaubten, der Augenblick der revolutionären Tat sei gekommen. Am 10.Mai 1849 verließen Kinkel und Schurz mit einem Trupp von 120 Freiheitskämpfern die Stadt. Zunächst sollte das Siegburger Zeughaus erstürmt werden; mit den dort erbeuteten Waffen wollten die Bonner den Aufständischen in Elberfeld zur Hilfe eilen. Das Unternehmen scheiterte jedoch kläglich, bevor die Stadt Siegburg erreicht war, weil es verraten wurde. Kinkel begab sich jetzt nach Kaiserslautern. Hier diente er der pfälzischen Revolutionsregierung als Agitator und Organisator. Aber schon Mitte Juni mußte die provisorische Regierung aus der Pfalz flüchten, weil preußische Truppen einmarschierten. Die letzten Hoffnungen der Revolutionäre ruhten nun auf Baden. Dort waren große Teile des Heeres zu den Aufständischen übergelaufen. Kinkel schloß sich in Karlsruhe als gemeiner Soldat der Kompanie „Besancon an, die von August von Willich und dessen Adjudant Friedrich Engels kommandiert wurde. Kinkel meldete seiner Frau

 

„Meine Compagnie ist prächtig. Sie alle sind mehr oder weniger klar vom Gedanken des Socialismus durchdrungen, und wissen, um was sie kämpfen."

 

Engels beurteilte Kinkels Einsatz in einem Brief sehr anerkennend:

 

„Von allen den Herren Demokraten aber hat sich niemand geschlagen außer mir und Kinkel. Letzterer hat sich bei unserm Korps als Musketier gestellt und sich ganz gut gemacht."

 

Am 29. Juni 1849 geriet Kinkel während eines Gefechtes in der Nähe von Rotenfels an der Murg in die Gefangenschaft preußischer Truppen. Damit war seine aktive Teilnahme an der Revolution beendet.

Gefangenschaft und Exil

 

Nach seiner Gefangennahme wurde Kinkel zum Opfer der Hetztiraden der Konservativen. In den königstreuen Zeitungen forderte man das Todesurteil gegen ihn. Dank einer großen, von den Demokraten organisierten Solidaritätskampagne gelang es zwar, seinen Tod zu verhindern, doch das Urteil des Rastatter Kriegsgerichtes lautete: Lebenslängliche Zuchthaushaft!

 

Um Kinkel möglichst weit von den gleichgesinnten Rheinländern zu trennen, brachte man ihn in das Zuchthaus Naugard in Pommern. Dieses überharte Urteil steigerte aber seine Beliebtheit bei Arbeitern und Bauern nur noch mehr. Sie verehrten ihn jetzt als den Helden und Märtyrer der Revolution. In allen größeren deutschen Städten wurden sogenannte Kinkel-Komitees gegründet, die Spenden für den Unterhalt seiner Familie sammelten. Selbst manche seiner früheren Gegner waren entsetzt über die Brutalität, mit der man den feinsinnigen Dichter im Zuchthaus zwang, auf dem Spinnrad Wolle zu spulen.

 

Dieser erste Prozeß galt lediglich Kinkels Beteiligung an den badischpfälzischen Revolutionskämpfen. In einer zweiten Verhandlung vor dem Kölner Assisengericht mußte er sich im Mai 1850 wegen des versuchten Siegburger Zeughaussturmes verantworten. In seiner dortigen Verteidigungsrede begründete er noch einmal ausführlich seine politische Überzeugung:

 

„Ich bin Socialist: nicht erst in Folge der Revolution wurde ich es (...) ich war es von Natur, denn seit ich denke und empfinde, hat mein Herz sich zu den Armen und Unterdrückten in meinem Volke gehalten, und nicht zu den Reichen und Gewaltigen dieser Welt. Und weil ich Socialist bin, darum bin ich Demokrat. (...) In diesem Sinne bekenne ich mich für das Prinzip der Revolution."

 

Der Prozeß endete diesmal mit Freispruch. Kinkel wurde nun in das Zuchthaus Spandau überführt. Inzwischen hatte seine Frau Johanna alle Hebel in Bewegung gesetzt, um ihren Mann aus der Haft zu befreien. Schließlich fand sie in Carl Schurz einen jungen und couragierten Helfer, der bereit war, das abenteuerliche Unternehmen zu wagen. Obwohl Schurz selbst steckbrieflich gesucht wurde, reiste er unter einem Decknamen nach Berlin, um die letzten Vorbereitungen selbst zu organisieren.

Kinkel und Schurz nach Kinkels Befreiung aus dem Zuchthaus 1850
Kinkel und Schurz nach Kinkels Befreiung aus dem Zuchthaus 1850

Johanna gelang es durch die geschickte Verwendung eines Geheimcodes, ihren Mann über den Stand der Dinge jeweils genau zu informieren. Nach guter Vorarbeit glückte es Schurz, einen demokratisch gesinnten Gefängniswärter zu bestechen. Am 6. November 1850 konnte sich Kinkel unbemerkt an einem Seil vom Dach des Zuchthauses herablassen. Unten erwartete ihn Schurz. So schnell wie nur möglich bestiegen die beiden einen bereit gestellten Kutschwagen und jagten aus der Stadt. Um eventuelle Verfolger zu täuschen, fuhr man zunächst Richtung Hamburg, bog aber dann auf die Straße nach Rostock ab. 36 Stunden später erreichten die beiden Flüchtlinge die Hafenstadt Warnemünde. Hier wurden sie einige Tage im Haus eines gleichgesinnten Reeders versteckt. Mitte November verließen sie endlich an Bord des Schoners „Anna" den Hafen und segelten nach Edinburg. Durch Schurz' waghalsiges Abenteuer hatte Kinkels 1 1/2 jährige dunkle Kerkerhaft ein Ende gefunden.

 

Nachdem Johanna mit ihren Kindern Bonn Anfang 1851 verlassen hatte, ließ sich die gesamte Familie in London, einem Treffpunkt deutscher Revolutionäre, nieder. Kinkel beteiligte sich sofort wieder voll am politischen Geschehen. Wie die meisten Emigranten war auch er von einem baldigen Wiederausbruch der Revolution überzeugt. Er prägte Sätze wie:

 

„Meiner Partei gehört die Zukunft; sie wird und muß an das Ruder kommen." Und: „Über das richtige System des Socialismus kann gezweifelt werden: aber der Socialismus ist der treibende Gedanke dieser Zeit.“

 

Kinkel und eine große Zahl seiner Anhänger verfielen auf die Idee, das in Kürze erwartete Wiederaufflammen der revolutionären Glut zu beschleunigen. Man beschloß, eine Agitationskampagne in Amerika durchzuführen, um dort zwei Millionen Dollar an Spenden zu sammeln. Damit sollte eine revolutionäre Invasionstruppe finanziert und der Kampf gegen die verhaßten Tyrannen generalstabsmäßig geplant werden. Das Unternehmen wurde von so prominenten Personen unterstützt wie dem in Bonn gebürtigen Philosophen Moses Hess und dem Komponisten Richard Wagner. Der Plan traf jedoch durchaus nicht bei allen Londoner Emigranten auf ungeteilte Zustimmung. Marx und Engels, die schon den Kinkel-Kultus der vergangenen Monate mißtrauisch beobachtet hatten, warnten eindringlich vor einem solch utopischen und unrealistischen Projekt. Sie vertraten die Auffassung, eine neue Revolution könne nur durch eine ökonomische Krise hervorgerufen werden. Anfang der 50er Jahre aber nahm die Wirtschaft in Europa gerade ein mehrjährigen Aufschwung. Marx nannte Kinkels Plan eine naive Revolutionsschwärmerei. Im Nachhinein sollte er recht behalten. Eine weitere Zusammenarbeit zwischen Marx und Kinkel war von diesem Zeitpunkt an unmöglich. Kraft seiner moralischen Autorität und wegen seiner großen Popularität wurde Kinkel mit der amerikanischen Mission beauftragt. Von September 1851 bis März 1852 bereiste er die Neue Welt und konnte zunächst beachtliche Anfangserfolge verzeichnen. So gelang es ihm, in Friedrich Hecker, dem badischen Revolutionär, und Wilhelm Weitling, dem Magdeburger Frühsozialisten, weitere wichtige Unterstützer des Projektes zu gewinnen. Der damalige amerikanische Präsident Fillmore empfing ihn sogar als „Gesandten der künftigen deutschen Republik". Insgesamt gesehen aber scheitere das Unternehmen kläglich; denn der finanzielle Ertrag blieb mit ca. 10.000 Dollar weit hinter den Erwartungen zurück. Mit diesem Geld finanzierten übrigens später August Bebel und Wilhelm Liebknecht die Gründung der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei. Nach seiner Rückkehr aus den USA mußte Kinkel einsehen, daß in absehbarer Zeit kaum mit einer revolutionären Bewegung zu rechnen war. Er zog sich jetzt fast völlig aus der Politik zurück und bemühte sich in den nächsten Jahren, den Lebensunterhalt für seine Familie durch Geographieunterricht und kunsthistorische Vorträge zu verdienen. Auch Johanna trug durch Klavier- und Musikunterricht dazu bei. Ihr war jedoch kein langes Leben mehr vergönnt. Im November 1858 starb sie 48jährig nach einem Sturz aus dem Fenster. Bis heute ist umstritten, ob es sich dabei um einen Selbstmord handelte. Ihre nächsten Freunde und Bekannten hielten einen Freitod für völlig ausgeschlossen und glaubten eher an einen tragischen Unfall.

 

Nach diesem schweren Schlag war Kinkel mit seinen Kindern ganz auf sich allein gestellt. Finanziell war seine Position allerdings mittlerweile gesichert. 1860 heiratete er erneut. Aus der Ehe mit der Königsberger Arzttochter Minna Werner gingen noch einmal vier Kinder hervor. Schon nach Johannas Tod hatte Kinkel sein politisches Engagement erneut verstärkt. Er gründete die deutschsprachige Londoner Wochenzeitung „Hermann" und trat dem Deutschen Nationalverein bei. Mit diesem Schritt stieß er viele seiner Freunde vor den Kopf; denn die Mehrheit des Nationalvereins strebte ein konstitutionelles, von Preußen beherrschtes Deutschland an. Kinkel stellte jedoch bald klar, daß es zunächst darauf ankomme, die Einheit Deutschlands herzustellen, um anschließend republikanische Verhältnisse durchzusetzen. Dennoch geriet Kinkel in den Ruf, Nationalliberaler und Anhänger der Bismarckschen Politik zu sein.

 

In einer flammenden Rede hatte er den preußischen Sieg über Österreich in der Schlacht bei Königgrätz am 3. Juli 1866 begrüßt. In der Beendigung der ewigen Konkurrenz zwischen Preußen und Österreich um die Vormacht in Deutschland und in der Gründung des norddeutschen Bundes durch Preußen erkannte er den ersten Schritt zur Überwindung der territorialen Zersplitterung Deutschlands. Er konnte der Bismarckschen Außenpolitik deshalb bedingungslos zustimmen, weil er ja die Republik als zwangsläufige Konsequenz der nationalen Einigung sicher erwartete.

 

Im Jahre 1866 war es Kinkel nach langem Bemühen endlich gelungen, einen Ruf als Professor für Kunstgeschichte an die Universität Zürich zu erhalten. Einem Londoner Freund schrieb er, wie glücklich er war, endlich in einer Republik leben zu können:

 

„Hier geht's vortrefflich, und wie in England der Geist wider mich war, (nothwendig, weil einer kirchlichen, conservativen und aristokratischen Gesellschaft ich als Freidenker, Republikaner und Socialist entgegenstand) so geht hier die Strömung mit mir.“

 

Seit seiner Amerikareise stand Kinkel bei Teilen der marxistisch orientierten Arbeiterbewegung in einem zwielichtigen Ruf. Dennoch suchte er Anfang 1867 und 1869 Kontakt zum Züricher Arbeiterbildungsverein, um dort Vorträge zu halten. Eine intensive Zusammenarbeit entwickelte sich daraus nicht. Stattdessen unterstützte er nun die polnischen Oppositionellen in ihrem Kampf gegen die Unterdrückung durch das zaristische Rußland. In der preußischen Politik zeichnete sich zur selben Zeit eine neue Entwicklung ab. Bismarck glaubte, die Bildung eines deutschen Nationalstaats nur gegen den Widerstand des französischen Herrschers Napoleon III. durchsetzen zu können. Zielstrebig arbeitete er auf einen militärischen Konflikt mit Frankreich hin. Mit großem Geschick gelang es ihm schließlich, eine Situation zu schaffen, in der Napoleon sich gezwungen sah, Preußen den Krieg zu erklären. Damit war der Krieg in der öffentlichen Meinung zum Verteidigungskrieg geworden. Preußen begnügte sich nicht damit, daß Napoleon abdankte, sondern bekämpfte auch die danach in Frankreich ausgerufene Republik und verleibte dem Reich Elsaß-Lothringen ein. Diese Politik konnte die Billiqung des Republikaners Kinkel nicht finden:

 

„... und dieser Krieg, wie zwar ich es voraussah (...) ist ein Krieg gegen eine Republik geworden. Uns heimatlosen Menschen war also vollkommen gestattet, in ihm neutral zu bleiben."

 

Kinkel nahm Anstoß an der unkritischen Welle nationalistischer Begeisterung, mit der die Gründung des Kaiserreiches begrüßt wurde. Das „Siegesgeheul der Germanen" war ihm ein Greuel. Er ahnte jetzt, daß die Einheit keineswegs zur Republik führte, sondern das reaktionäre Regime stärken würde.

 

In der Tat wurden die bürgerlichen Freiheitsrechte nun in ganz Deutschland brutal unterdrückt. Für die bürgerlichen Kräfte aber, die sich inzwischen um wirtschaftlicher Vorteile Willen mit dem Kaiserreich arrangiert hatten, war Kinkel völlig indiskutabel geworden. Man verübelte ihm seine „widerwärtigen, vaterlandslosen Äußerungen". Mit seiner Haltung geriet er erneut in die Nähe einer anderen Gruppe von „vaterlandslosen Gesellen", doch hatte er gegenüber der Kompromißlosigkeit der Arbeiterparteien zunächst Vorbehalte:

 

„Es scheint ihr Grundsatz, jeden vom Einfluß auf ihre Kreise auszuschließen, der bei aller Übereinstimmung mit ihren Ansichten bourgeoismäßig lebt oder auch nur Bourgeois zu Freunden hat."

 

Kinkel widmete sich deshalb wieder vorwiegend der Kunst. Darüber hinaus betätigte er sich in einem nicht parteigebundenen humanistischen Sinne. Wegen der großen Seuchengefahr wurde er zum eifrigen Verfechter der Feuerbestattung. Wenig später schloß er sich der Bewegung an, die die Wiedereinführung der Todesstrafe in der Schweiz verhindern wollte. Er verfaßte ein Schrift mit dem Titel „Gegen die Todesstrafe und das Attentat sie in der Schweiz wieder einzuführen".

 

Als Republikaner und sozialer Demokrat mußte Kinkels Stellung zum Deutschen Reich unversöhnlich bleiben. Seine Abscheu gegenüber der Bismarckschen Politik und dem anachronistischen Erbkaisertum stieg in den letzten Lebensjahren ständig. Um dies nach außen zu dokumentieren, erwarb er 1875 die Schweizer Staatsbürgerschaft. Ungebrochen blieb auch seine Ablehnung der kapitalistischen Gesellschaftsordnung, die er als

 

„vollständige Principienlosigkeit" bezeichnete, „wo über die entscheidenden Dinge der Volkswohlfahrt einzig das Würfel wirft, womit man noch Geld erpressen kann. Dabei mehren sich Verbrechen und Selbstmord in erschreckendem Maße."

 

Gegen Ende der 70er Jahre suchte Kinkel erneut Anschluß an die Arbeiterbewegung. So hielt er 1880/81 in Zürich Vorträge vor dem deutschen Arbeiterverein „Eintracht". Zürich war in dieser Zeit das Zentrum der deutschen Sozialdemokratie, da durch das 1878 erlassene Sozialistengesetz alle Arbeiterorganisationen im Deutschen Reich verboten worden waren. Eduard Bernstein und Karl Kautsky redigierten von hier aus den „Sozialdemokrat", das offizielle Organ der seit 1875 zur „Sozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands" vereinigten Anhänger Lassalles und Marx'. In dieser Situation erwarb Kinkel die Sympathie der Arbeiter durch seine öffentlich bekundete Solidarität mit den Opfern des Sozialistengesetzes. So schrieb z.B. der „Sozialdemokrat" in seinem Nachruf auf Kinkel:

 

„Unserer Partei gegenüber war sein Verhalten in den letzten Jahren nur anerkennenswert. Nicht nur hielt er im deutschen Arbeiterverein Zürich wiederholt Vorträge zum Besten unserer Ausgewiesenen, er steuerte auch direkt zu unserem Unterstützungsfonds bei, und erwies sich verschiedenen Genossen, die sich an ihn wendeten, als bereitwilliger Rathgeber und Helfer."

 

Für Eduard Bernstein hatte es

 

„sein Versöhnendes, wenn in den schlimmsten Tagen des Sozialistengesetzes der alte gefeierte Demokrat (Kinkel) den jungen unbekannten deutschen Sozialdemokraten (Bernstein) in Zürich auf der Straße laut anredete: ,Nun, lieber Herr Bernstein, was machen unsere Genossen im Reiche?'"

 

Am Abend seines Lebens hielt Kinkel, wie Bernstein ausdrücklich betont, „Fühlung mit der sozialdemokratischen Arbeiterbewegung".

Gottfried Kinkel in Zürich
Gottfried Kinkel in Zürich

Gottfried Kinkel starb am 13. November 1882 in seinem Züricher Haus an den Folgen eines Schlaganfalls. Er wurde auf dem Züricher Friedhof Sihlfeld (Ehrengrab-Nr. FG 82487) begraben, nur wenige Meter von der Stelle entfernt, an der 31 Jahre später August Bebel beigesetzt wurde.